interviewfrage an jesper juul

INTERVIEW Ein paar liebe Blogger-KollegInnen und ich hatten tatsächlich das wunderbare Glück, Jesper Juul ein paar Fragen zu seinem neuen Buch »Liebende bleiben – Familie braucht Eltern, die mehr an sich denken« und dem ganzen alltäglichen Familienchaos zu stellen. So ist eine kleine, nette Blogtour für euch entstanden. Klickt euch einmal durch die Fragen und Antworten. Sie sind allesamt total lesenswert und gehen teilweise echt auch ins „Eingemachte“. Meine Frage betrifft mein „Los-Löse-Problem“ – oder ist es gar kein Problem, sondern darf auch – je nach Typ Mensch – ganz normal sein?

Julia: Lieber Herr Juul, ich freue mich ebenso wie meine Blogger-KollegInnen, dass im Rahmen unserer Buchrezensionen zu Ihrem neuen Buch „Liebende bleiben“ auch ein kleines Interview mit Ihnen möglich ist und bin sehr gespannt auf Ihre Antwort zu meiner sehr persönlichen Frage.

Alles, was mein Partner und ich vor der Geburt unserer Tochter Frieda gerne gemeinsam unternommen haben (Kino, Konzerte, romantische Restaurantbesuche, Freunde in einer Kneipe treffen, in einer Bar tanzen…) erfährt eigentlich bis heute eine Sendepause. Ich habe, seitdem ich Mama bin, gar kein großes Interesse mehr an abendlichen Ausflügen. Natürlich schenken wir uns neben dem alltäglichen Familienchaos auch als Paar immer wieder Zeit und Raum, um miteinander glücklich zu sein (wenn wir nicht todmüde auf dem Sofa einschlafen), aber am liebsten bin ich jedoch zu Hause und gehe nicht aus. Unsere Frieda ist nun etwas über 2 Jahre alt und bisher habe ich es auch noch nicht geschafft den Schritt zu gehen und tatsächlich nach einem möglichen Babysitter Ausschau gehalten. Ich tue mich da extrem schwer, habe unendlich viele Zweifel und irgendwie kein richtiges Vertrauen in andere Menschen. Familie oder Freunde, denen ich unseren kleinen, schlafenden Lieblingsmenschen anvertrauen würde, haben wir nicht in unserer Nähe. Mein Partner hat weniger Ängste, sieht meine Bedenken natürlich nicht so deutlich und würde es durchaus mal mit einem Babysitter probieren.

Im ersten Lebensjahr unserer Tochter war ich zu Hause, seit ihrem 14. Lebensmonat gehe ich wieder in Teilzeit als Lehrerin arbeiten und unsere Frieda besucht jeden Werktag für knapp 4 Stunden die Zwergengruppe für unter 3-jährige einer tollen KiTa. Die Trennung fiel mir damals (und fällt mir manchmal immer noch) schwer und auch da begleiten mich immer wieder Zweifel, obwohl unsere Frieda sehr gerne die Kita besucht und wir keinen Trennungsschmerz mehr Vorort erleben.

Sollte ich mich unbedingt gegen mein Herz entscheiden und doch nach einem Babysitter suchen? Muss ich mich trennen und lösen oder ist das bei vielen Mamas so und meine Gefühle und Zweifel auch nach über 2 Jahren noch ganz normal?

Jesper Juul: Ja, ich glaube, dass Ihre Gedanken und Gefühle ziemlich normal sind. Kinder im Vorschulalter in fremde Hände zu geben ist eine neue Erfindung, von der keiner weiß, ob sie für die Kinder schlussendlich wirklich eine „gute“ Erfahrung darstellt. Ich habe das Thema in meinem Buch Wem gehören die Kinder angesprochen. In Ihrem Fall habe ich den Eindruck, als fiele es Ihnen schwerer als Ihrer Tochter, Ihren Frieden damit zu schließen; deshalb würde ich vorschlagen, dass Sie und Ihr Partner versuchen, den Ursachen auf den Grund zu gehen, um herauszufinden, welche Erfahrung (oder Erfahrungen) Ihre Reaktion ausgelöst haben. Was immer Sie auch entdecken werden, sollte ausschlaggebend für die Entscheidung über den nächsten Schritt sein. Derzeit genießt Frieda allem Anschein nach ihre Besuche in der „Außenwelt“, deshalb sehe ich keinen Grund, sich Sorgen hinsichtlich ihres Wohlbefindens zu machen. Die Reaktion Ihrer Tochter auf die Trennung ist positiv, und falls sie Ihnen nach wie vor Kopfzerbrechen bereitet, sollten Sie in Erwägung ziehen, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen. Dass Ihre Tochter Ihre Ängste nichtspiegelt, ist ein weiteres gutes Zeichen und ein Beweis ihrer Fähigkeit zur Entwicklung eigenständiger Gefühle und Erfahrungen.

Natürlich kann ich Ihre Frage nicht beantworten, ob Sie sich einen Babysitter suchen sollten, aber wenn keiner der beiden Partner das Bedürfnis hat, auch einmal Zeit zu zweit zu genießen, besteht nach meinem Dafürhalten eigentlich kein Grund dafür. Falls Sie jedoch das Gefühl haben, dass einige Kritiker Recht haben und Ihr mangelndes Vertrauen in potenzielle Bezugspersonen zum Problem werden könnte, schlage ich vor, es auf einen Versuch ankommen zu lassen. Wenn ein genereller Vertrauensmangel gegenüber anderen Menschen vorliegt, der Sie daran hindert, nach einem Babysitter Ausschau zu halten, ist es zu schwer für alle zu ertragen und Sie sollten Ihre Haltung überprüfen.

Und hier kommen die Links zu den anderen netten Bloggern, die ebenfalls ihre ganz persönliche Frage an Jesper Juul stellen durften. Klickt euch mal rein oder durch – wie ihr wollt…

  • www.cuchikind.de fragt Jesper Juul, wie lange man sein Kind bedenkenlos alleine bei Verwandten lassen darf
  • www.mamaberlin.org möchte gerne wissen, was er Familien rät, in denen psychische und physische Beziehungsgewalt vorkam oder vorkommt
  • Ann-Kathrin von www.munchkinshappyplace.de möchte von Jesper Juul wissen, wie sie das Bedürfnis ihrer Tochter nach Autonomie auf eine liebevolle Art und Weise begegnen kann – ohne sich selbst aus den Augen zu verlieren
  • bei Stefanie von www.lieblingsgoeren.de dreht es sich um Wut und Aggression in alltäglichen Konflikten
  • www.wheelymum.com fragt unter anderem: „Wieso stellen wir unsere Kinder über alle anderen Bedürfnisse oder haben ein schlechtes Gewissen, wenn wir es nicht tun?“

An dieser Stelle danke ich von ganzem Herzen Herrn Hochrein vom Beltz-Verlag, der uns das Interview mit Jesper Juul erst möglich gemacht, vermittelt und übersetzt hat.

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