…dann eben nicht!

IntegritätALLTAGSGESCHICHTE Friedas innere Uhr weckt uns jeden Morgen um die gleiche Uhrzeit (plus/minus 30 Minuten) und abends geht’s immer nach dem Sandmann ins Bett. Wochentags und auch am Wochenende. Seltene Ausnahmen bestätigen bei uns die Regel. Wir geben Frieda vor allem Orientierung durch Verlässlichkeit – auf allen Ebenen. Es kommt bei uns äußerst selten vor, dass Frieda abends „drüber“ ist. Drüber über den berühmten müden Punkt, überdreht und vollkommen überreizt. Wenn so ein „point of no return“ erreicht ist, ergibt es ja wahrscheinlich gar keinen Sinn noch mit dem Waschen, Zähneputzen und Kämmen der Haare zu beginnen, oder? So stelle ich mir diesen Horror jedenfalls vor, den manche Eltern da beschreiben. Das kenne ich, seit dem unsere Frieda das Säuglingsalter hinter sich gelassen hat, eigentlich gar nicht. Und obwohl wir selbst ziemlich strukturiert sind, kommt es hin und wieder doch mal vor, dass unser Mini-Menschen-Mädchen abends einfach keine Kraft mehr hat. Keine Kraft mehr, um in Kooperation mit uns die Zähnchen zu putzen, sich kämmen zu lassen oder das Gesicht zu waschen. Manchmal war der Tag dann doch so anstrengend für Frieda, dass am Ende der KooperationKooperationsbereitschaft noch ein bißchen vom Tag übrig ist. Obgleich uns das Putzen der Zähne natürlich wirklich wichtig ist, können wir an solchen Tagen gut und gerne auch mal Fünfe gerade sein lassen. Hier wird keiner gezwungen, festgehalten, überredet oder erpresst. Das ist uns noch wichtiger als die Saubermann-Zähne, das Auskämmen des Sandes aus den Haaren oder das Waschen der dreckigen Fingernägel. Das hat dann gerne auch mal bis zum nächsten Tag Zeit. Für uns darf das.

Kooperationsbereitschaft, Autonomie und Integrität

AutonomieWie gesagt, erleben wir eine oben beschriebene Situation auch nur sehr selten. Jetzt gerade kann ich mich eigentlich an keinen schwierigen Abend erinnern. Wir nehmen unsere Frieda als ein sehr kooperationsbereites Mini-Menschen-Kind wahr und trotzdem hat sie natürlich einen eignen Willen, ihre eigenen Ideen, Wünsche und Vorstellungen. Und diese hören wir uns auch gerne an, beziehen sie in unseren Alltag ein, gehen aufeinander zu. Wir nehmen Friedas Wunsch nach Integrität und Autonomie sehr ernst. Genauso unseren. Sie hat die Freiheit über ihren eigenen Körper zu entscheiden. Beim Kinderballett, beim Windeltausch, beim Spielen auf dem Spielplatz, beim Treffen mit anderen Kindern und und und. Die Liste könnte endlos so weitergehen. Und trotzdem lassen wir unsere Frieda nicht einfach nur laufen, nicht einfach nur machen. Wir sind ganz und gar nicht passiv oder uninteressiert und unsere Tochter ist uns alles andere als gleichgültig. Das wäre schlimm. Nein. Wir versuchen uns hier Tag für Tag auf Augenhöhe zu begegnen. Wir sprechen ziemlich viel miteinander, erklären und machen auch Notwendigkeiten des Lebens begreifbar. Außerdem leben wir das unserer Frieda auch vor. Wir verlangen von unserem Mini-Menschen-Mädchen nicht zu funktionieren, sondern sie selbst darf ganz viel selbst entscheiden. So treffen wir uns alle irgendwo zwischen Wollen, Sollen und Müssen.

Vor ein paar Tagen habe ich im Internet folgende Zeilen und das tolle Video entdeckt, das ich beides gerne an dieser Stelle mit euch teilen möchte. Was sagt ihr dazu? Stimmt es? Gibt es bei euch zu Hause Sachen, die einfach sein müssen (z.B. Zähneputzen) oder könnt ihr auch mal „Fünfe gerade sein lassen“? Wie steht’s bei euch mit der Kooperationsbereitschaft und dem Streben nach Autonomie und Integrität? Wie geht ihr damit um?

„Wenn ich nur darf, wenn ich soll,
und nie kann, wenn ich will,
dann mag ich auch nicht, wenn ich muss.
Wenn ich aber darf, wenn ich will,
dann mag ich auch, wenn ich soll,
und dann kann ich auch, wenn ich muss.
Denn schließlich: Die können sollen,
müssen auch wollen dürfen!“
(Graffiti an einer Berliner U-Bahn-Station)

[Graffiti und Video gesehen auf der Facebookseite des Blogs Elternmorphose]

1 Comment

  • Liebe Julia, vielen Dank für deine Gedanken und Bericht – er ist mir aus dem Herzen geschrieben!

    Auch wir handhaben das so wie ihr – und haben sicherlich (gerade in der Familie) mit so manchem Gegenwind oder Vorurteil zu kämpfen… aber auch wir haben eine mittlerweile 5-Jährige, die selb- und eigenständig, kuschelbedürftig und nähesuchend, wild und lieb… (die Gegensätze-Liste könnte ich noch lange fortsetzen, sie ist meines Erachtens ein Resultat aus dieser Art von Erziehung)… ist. Das Miteinander, nicht Gegeneinander ist wichtig. Natürlich kommen Phasen, in denen Grenzen getestet werden (und diese Phasen sind extrem anstrengend) – Egoismus muss halt erprobt und in die soziale Gesellschaft integriert werden. Aber auch wir lassen immer mal wieder „Fünfe grade sein“, haben eine Tochter, die problemlos abends ins Bett geht und ein wirklich großartiges Menschen-Mädchen-Mausekind ist 😉

    Herzliche Grüße Kathrin

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