bedürfniserfüllung schadet nie

ALLTAGSGESCHICHTE Ich bin die ersten Lebensjahre wohl insgesamt sehr behütet aufgewachsen. Meine Mama war und ist immer noch eine sehr liebevolle Mutter und Oma, die sich schon damals gegen alle gängigen Erziehungskonventionen aufgelehnt hat und es aus ihrem Gefühl heraus anders gemacht hat. Dafür hat sie von ihrem Umfeld ziemlich viel Kritik einstecken müssen, wurde teilweise sogar verspottet. So lässt sie es manchmal zumindestens durchklingen, ohne aber jemals die anderen Menschen dafür zu verurteilen. Sie bewies meistens enorme Stärke, kämpfte für mich, ihr geliebtes Kind und nahm jeden Gegenwind in Kauf – sogar den ein oder anderen Streit mit meinem Papa. Es war sicherlich nicht leicht für meine Mutter. Ganz im Gegenteil. Ich bin mir sicher, dass sie enorm gelitten hat unter dem Druck des Umfeldes. Doch sie wusste damals schon, dass sie mich sehr bedürfnisorientiert aufwachsen lassen wollte. Bedürfniserfüllung fühlte sich für sie wichtig und richtig an. Natürlich ohne die Bezeichnung „bedürfnisorientiert“ jemals gehört zu haben. Ich bin ganz ohne verbale und körperliche Gewalt aufgewachsen und frei von Wenn-Dann-Drohungen. Ich schlief lange im Familienbett und wurde immer Einschlaf-begleitet. Noch viel länger hatte ich zum Einschlafen übrigens einen Schnuller. Diesen legte ich, genau wie die Windel, erst ab, als für mich der jeweils richtige Zeitpunkt dafür gekommen war.  Kein Training, kein Abgewöhnen! Ich ging nicht in den Kindergarten, weil es für mich (und für meine Mama) damals der reinste Horror war. Allerdings hatten wir auch wirklich das Glück, dass meine Mutter mit mir zu Hause bleiben konnte. Für das alles bin ich meiner Mama wirklich dankbar.

Was soll nur aus diesem Kind werden?

Ich hing an meiner Mama, traute mich ohne sie nirgendwo hin. Jahre lang. Ich war sehr empfindsam, weinte schnell. Wollte nicht bei Freunden bleiben oder bei Verwandten übernachten. Was haben die Leute also erzählt und die schlimmsten Vermutungen angestellt. „Das Kind wird nie selbstständig“ war dabei wahrscheinlich noch das harmloseste. Aus dem Kind ist aber sehr wohl irgendwann eine junge, erwachsene und verantwortungsvolle Frau geworden. Nicht immer als die beste Schülerin hat sie sich zwar durchs Gymnasium gequält, ist dann aber recht schnell ausgezogen und hat auf eigenen Beinen gestanden. Sehr zielstrebig Lehramt studiert. Alles in Regelstudienzeit. Nicht umorientiert, umentschieden und auch ganz ohne Hänger. Nicht, dass ich das so schlimm fände. Jedoch waren das ja alles so Prognosen des Umfeldes für dieses verwöhnte Mama-Kind ohne Grenzen. Aus diesem Kind ist vor etwas über 3 Jahren selbst eine Mama geworden, die ihre Tochter nun mit ihren Gefühlen sehr ernst nimmt und schwierige Situationen mit ihr gemeinsam meistert. Eine Mama, die die Bedürfnisse ihrer Tochter stets erfüllt, sie in ihrem Tempo aufwachsen lässt. Die ebenfalls über blöde Kommentare aus dem Umfeld steht, die Stärke beweist und kämpft. Eine Mama, die für ihr Kind und ihre eigene Sicht auf manche Dinge einsteht und sich nicht reinquatschen lässt. So, wie es damals ihre Mutter eben auch tat.

bedürfniserfüllung macht stark

Und obgleich, aller Bedürfniserfüllung zu trotz, in meiner Kindheit ganz und gar nicht immer alles perfekt gelaufen ist und das ein oder andere passiert ist, das man heute vielleicht gerne rückgängig machen würde, weiß ich aber eins. Ich weiß, dass mich die allerersten Lebensjahre, in denen meine Mutter immer für mich da war und auf meine Bedürfnisse geachtet, ganz stark gemacht haben. Sie hat mir tagtäglich gezeigt, was bedingungslose Liebe bedeutet und dass ich auch als kleiner Mensch mit all‘ meinen Bedürfnissen angenommen und respektiert werde. So fällt mir eine Begegnung auf Augenhöhe mit unserem Mini-Menschen-Mädche sicherlich  auch deutlich leichter als einigen anderen Eltern, die aus ihrer Kindheit auch schlimmes Schimpfen, Beleidigungen, Demütigungen, schreckliche Witze oder sogar Schläge kennen. Zum Glück ist es aber nie zu spät. Man kann immer seine eigene Kindheit reflektieren, gelernte und festgefahrene Muster durchbrechen, Erziehungskonventionen überdenken und es einfach anders machen. Man muss es natürlich wollen, auch wenn der Weg steinig ist. Man sollte es für sich tun und für seine Kinder. Bedürfniserfüllung schadet nämlich nie!

Wie seid ihr aufgewachsen und was nehmt ihr davon in der Beziehung zu euren Kindern mit?

2 Comments

  • Ich hätte auch ferne so eine Ki.dheit gr habt,aber leider war meine Kindheit eher von stricken Regeln Handlungen geprägt. Meine Eltern hatten bestimmte Vorstellungen, wie ich zu sein habr, wenn ich dem nicht entsprach, gabs Strafen im Form von Liebesentzug oder Nichtbeachtung.
    Zum Glück kann ich jetzt das Leben führen, wie ich es für richtig halte und auch meine Kinder so erziehen, wie sie es brauchen und nicht so, wie es von der Gesellschaft erwartet wird.
    Meine Kinder dürfen aus der Reihe tanzen 🙂

  • Ich bin in einer Art Villa Kunterbunt aufgewachsen … immer so lange, bis mein Vater abends von der Arbeit nach Hause kam … bis dahin musste alles aufgeräumt und das Essen auf dem Tisch sein! Die Stunden bis dahin durften wir Kinder aus dem Hochhaus bei uns gefühlt alles: Über die Couch turnen, Höhlen bauen, Kekse backen, mit Dingen matschen, auf Strumpfhosen durch den Hausflur rutschen, Spielzeug überall verteilen und vieles mehr. Meine Mutter liebte immer schon einen ganzen Haufen Kinder und Besuch! Der Kindergarten war für mich eher schwer. Ohne meine Mutter fühlte ich mich sehr lange ängstlich und sehr schüchtern, was dazu führte, dass ich beinahe 3 Jahre an der Gruppentür im Eingangsbereich des Kindergartens stand und das Leben außerhalb unserer Wohnung beobachtete. Bis auf diese Kindergartengeschichte erzog uns unsere Mutter auch sehr bedürfnisorientiert – auch aus ihrem Bauchgefühl heraus. Beim Essen stieß sie damit viele Jahre auf Unverständnis, da ich sehr pingelig war und sie mich nie zwang, etwas zu essen, was ich nicht wollte. Sie kochte sogar extra, siebte Soßen durch etc. Heute esse ich ganz normal. Jahr für Jahr erschloss ich mir mehr Lebensmittel … in meinem Tempo halt. Ich bin meiner Mama sehr dankbar für die Freiheit, ihre Echtheit dabei und das kreative Chaos in meiner Kindheit! All dies versuchte ich natürlich an meine 2, mittlerweile nicht mehr ganz so kleinen Kinder weiterzugeben … Heraus kamen 2 ausdrucksstarke, selbstständige, nicht immer unanstrengende, aber reflektierte Teenager 😉

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