„mein kind ist nicht zu dick“

GASTBEITRAG Schon früh zeigte sich bei Dianas älterer Tochter ein gesteigerter Appetit kombiniert mit einem hohen Gewicht. Nicht selten wurden sie deswegen gemobbt. Doch im Laufe der Jahre lernte die Familie damit umzugehen und entwickelte für ihre Tochter einen Weg in ein normales Essverhalten – mit Erfolg. Ich freue mich wirklich von ganzem Herzen über diesen Gastbeitrag von Diana von Zweitöchter, denn trifft er nicht nur genau meine Gedanken zum kindlich-natürliche-intuitive Essverhalten, sondern berührt mich auch ganz persönlich. Es könnte nämlich fast die Geschichte meiner Mutter sein, die in meiner Kindheit auch immer viele Kommentare und Druck aushalten musste. Leider habe ich allerdings bereits als Kind das Gefühl für ein normales Hunger- und Sättigungsgefühl verloren und bin als Erwachsene immer noch auf der Suche danach.

„Mein Kind ist nicht zu dick“, sagte ich mir immer wieder, wenn ich mein kleines Michelinmännchen sah.

„Was gibst Du ihr denn zu Essen, sag mal?“

„Ähm, Muttermilch,“ antwortete ich, als meine Tochter mit sechs Monaten 10 Kilo auf die Waage brachte.

Im PEKiP-Kurs, wo die Babys alle nackt herumkrabbeln, blieb keine Speckrolle unentdeckt und so war das Gewicht meines Kindes fast jedes Mal Thema. Für mich sahen die anderen Kinder fast schon unterernährt aus, wenn sie so nebeneinanderlagen.

Essen nur in großen Mengen

Als meine Tochter mit 4 Monaten Interesse am Essen zeigte, bot ich ihr nach und nach diverse Breie an; Getreide, Getreide-Obst, Gemüse, sie aß einfach alles. Und auch in rauen Mengen. Die zulässigen Höchstangaben hat sie nicht nur einmal überschritten. Aber wenn das Kind meckert und nach Essen verlangt, was sollte ich machen? Nach und nach wurden wir allerdings skeptisch. Immer mehr Negativkommentare beeinflussten unsere Wahrnehmung. Des Öfteren schränkten wir sie nun in ihrer Nahrungsaufnahme ein.

Mit 9 Monaten aß sie ganz normales Essen am Familientisch mit uns. Extra kochen musste ich nie. Zum Glück hatte sie schon ausreichend Zähne um alles zu kauen. Zeitgleich stillte sie sich von allein ab.

Der Alltag wurde vom Essen bestimmt

Dennoch fand sie nie selbst ein Ende. War der Teller leer, machte sie einen Aufstand. Sofort musste sie vom Tisch weg. Alles musste weggeräumt werden. Alle 3 Stunden verlangte sie nach Essen. Ich musste immer etwas dabeihaben. Sie bekam einen regelrechten Unterzuckerungsanfall. Der Weg nach Hause konnte sich manchmal lang anfühlen. Und so war das Essen immer irgendwie ein großes Thema. Wir Erwachsenen mussten, wenn außerhalb der gewöhnlichen Essenszeiten, heimlich essen. Prinzipiell mussten wir unseren Tag nach ihren Mahlzeiten ausrichten, damit sie ja pünktlich stattfanden. Das gemeine daran war, dass wir uns daran gewöhnten. Erst mit unserem zweiten Kind haben wir gemerkt, dass es auch anders geht.

Ist sie vielleicht krank?

Kurz vor ihrem 3. Geburtstag waren wir dann routinemäßig beim Kinderarzt. Für die Dosierung eines Medikaments wollte er ihr Gewicht wissen. Ich schätzte es und er schaute mich ungläubig an. Er ließ sie wiegen und es war sogar mehr. Am Computer zeigte sich dann, dass sie oberhalb der 100. Perzentile lag. Das bedeutet, dass statistisch 0% der Kinder im gleichen Alter schwerer sind als sie. Da musste ich erstmal schlucken. Bisher hatte sie immer um die 85% Perzentile gelegen. Sofort ging bei mir das Alarmprogramm los: Was hat sie in letzter Zeit gegessen? Gab es zu viele Süßigkeiten? Wenn ja, woher? Die Oma wieder… Oder ist sie krank? Ja, genau, hat sie eine Stoffwechselstörung? Das wäre eine so viel einfachere Diagnose gewesen, als mir einzugestehen, dass mein Kind kein Sättigungsgefühl hat oder wir sie falsch ernähren.

Der Bluttest gab Aufschluss

Der Kinderarzt war total entspannt. Er kennt uns Eltern, weiß, dass wir verantwortungsbewusst und auch nicht übergewichtig sind. Ich denke, da gibt es sicherlich einen Zusammenhang. Jedenfalls beharrte ich auf einem Bluttest, der Anzeichen für eine Erkrankung des Stoffwechsels ausschließen sollte. Eine Woche später kamen wir zur Blutabnahme und ich mir schon etwas helikopter-mama-mäßig vor: Dass ich ihr eine Kanüle in den Arm jagen lasse, nur im mich zu beruhigen… Zum Glück verzog sie dabei keine Miene und schaute sogar hin wie das Blut aus ihr strömte. Sie war stolz wie Bolle. Der Bluttest ergab keine Auffälligkeiten. Sie war völlig gesund. Und das löste einiges in mir aus. Wenn sie doch völlig gesund ist, warum behandeln sie alle, als wäre sie es nicht? Als müsse man sie vor irgendetwas schützen? Warum dürfte sie nicht einfach selbst lernen und ein gesundes Verhältnis zum Essen entwickeln?

Wir zogen die Reißleine

Ein paar Tage später fiel es mir wie von Schuppen von den Augen: Wir müssen endlich aufhören damit, sie zu bevormunden. Sie muss lernen, selbst zu entscheiden, was und wie viel sie essen möchte. Sonst würde sie immer Angst haben, nicht satt zu werden und mehr verlangen. Das wäre eine selbsterfüllende Prophezeiung. Ein Teufelskreis. Auch allen anderen in unserem Umfeld mussten wir die über Jahre antrainierte Verhaltensweise, sie beim Essen zu stoppen und zu kontrollieren, wieder abgewöhnen. Das war gar nicht so leicht. Und tatsächlich. Es funktionierte. Mittlerweile lässt sie auch mal Essen liegen, sagt, dass sie satt ist oder geht lieber spielen. Außerdem hat sie zwischen ihrem 3. und 4. Geburtstag kaum an Gewicht zugelegt, ist dafür aber 8 Zentimeter gewachsen. So langsam verschwindet ihr „Babyspeck“ von ganz allein. Sie ist wieder auf der 85. Perzentile und wir lassen sie fast alles essen. Süßigkeiten mal ausgenommen, das hat aber auch andere Gründe.

Mein Rat an Eltern mit sehr kräftigen Kindern ist aufgrund meiner eigenen Erfahrung daher:

  • Wenn ihr euch Sorgen um das Gewicht eurer Kinder macht, sprecht mit dem Kinderarzt.
  • Lasst notfalls einen Bluttest machen, um Stoffwechselerkrankungen auszuschließen. Diese Erkenntnis kann auch sehr beruhigend sein.
  • Einen gesteigerten Appetit könnt ihr mit gesunden Nahrungsmitteln „abfangen“, von denen man große Mengen ohne Sorge essen kann.
  • Macht keine zu engen Vorgaben bei der Auswahl und Menge des Essens. Das Kind muss selbst lernen zu entscheiden, wann es satt ist.
  • Ob Dein Kind zu dick ist, entscheiden nicht die Außenstehenden. Lass Dich und vor allem Dein Kind nicht mobben. Dein Kind ist richtig, wie es ist.
  • Liebe Dein Kind, auch wenn es nicht in die Skinny Jeans passt! Kindermode ist an manchen Punkten eh schon „krank“, aber das ist ein anderes Thema…

Gastautorin Diana schreibt auf Zweitöchter über das Leben mit Baby und Kleinkind und gibt viele praktische Tipps rund um die Themen Elternzeit, Achtsamkeit und Minimalismus. Insgeheim träumt sie von einem ortsunabhängigen Leben mit ihrer Familie. Mehr dazu findest Du auf ihrem Blog.

2 Comments

  • Hallo Julia,
    das wichtigste ist, dass der Bluttest gezeigt hat, dass die kleine gesund ist. Den Rest bekommt ihr hin. Mach dir keine Sorgen – alles wird gut! 😉

    LG
    Hanni

  • Liebe Hanni,

    danke für deinen Kommentar. Dieser Beitrag ist ein Gastbeitrag. Es ist die Geschichte von der liebe Diana vom Blog Zweitöchter und ihrer älteren Tochter und meint nicht unsere Frieda. Dennoch danken wir von Herzen für deinen lieben Kommentar. Genau das fühlen und denken wir nämlich auch! LG, Julia

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